Kapitel: Ein Anderer Ausflug
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Ein anderer Ausflug
Ich packe schnell meinen Koffer und fahre zum Kölner Bahnhof, direkt
Neben dem riesigen schwarzen Dom. Ich habe ja keine Arbeit, bei der
Ich mich krankschreiben lassen müsste und praktisch kostenlos ist die
Fahrt für mich ohnehin. Einfach losfahren können, das ist ein ganz
Schöner Luxus. Inzwischen ist Bahnfahren für mich vor allem eins
Routine. In der Bahn kenne ich mich genauso gut aus wie in der
Braunschweiger Weststadt. Wie ein Angestellter jeden Morgen unten
Beim Pförtner eine Zeitung mitnimmt und dann nach oben in sein Büro
Schlendert, so nehme ich mir eine Zeitung aus der ersten Klasse und
Setze mich dann in die zweite. Das kontrolliert nie jemand. Woher
Soll der Schaffner auch wissen, dass ich dieselbe Zeitung nicht
Einfach am Bahnhof gekauft habe? Außerdem haben die meisten Schaffner
Eine Eigenart gemeinsam: Sie wollen keinen Stress. Übrigens handelt
Es sich bei dieser Zeitschrift oft um die Gala. Aber bitte nicht
Weitersagen. Ich will mir meinen Ruf als Rapper ja nicht ruinieren
Meist steige ich ganz vorne ein, weil dort die erste Klasse beginnt
Und weil ich jedes Mal hoffe, im Bordbistro vielleicht Said zu
Treffen. Oder ganz hinten, weil es dort oft noch freie Plätze gibt
Ich stehe am Bahnsteig bei A oder G. Manchmal halte ich auf dem Gleis
Auch noch Ausschau nach dem ominösen Zugnomaden. Aber er und ich
Wir verpassen uns wohl einfach immer. Ich stöhne einmal kurz auf
Wenn die Sitze im ICE grün sind und nicht blau, denn das bedeutet
Dass nicht unter jedem Sitz, sondern nur neben den Tischen eine
Steckdose angebracht ist. Dann schließe ich meinen Laptop an. Und
Wenn der Strom einmal nicht funktioniert, hole ich eine
Kugelschreibermine aus meinem Rucksack und steche sie einmal kurz in
Das Löchlein unter dem Tisch, etwa zwei Zentimeter neben der
Steckdose. Alter Trick. Damit springt die Sicherung wieder rein. Hat
Mir ein Schaffner verraten. Ich halte meine Bahncard so souverän
Einmal kurz nach oben, dass ich wahrscheinlich alles vorzeigen könnte
, Meinen Personalausweis oder auch bloß ein ausgeschnittenes
Zerknittertes kleines Stück von der Gala und damit würde ich trotzdem
Durchkommen. Manchmal mache ich auch den Ich-bin-busy-Trick, tue so
Als wäre ich in die dringendsten Geschäftsberichte vertieft und sehe
Bei der Frage "Hier noch jemand zugestiegen?" gar nicht erst auf
Dann werde ich oft überhaupt nicht kontrolliert. Routine halt
Alltag. Ich kenne die Deutsche Bahn inzwischen so gut wie die kleine
Dunkelrote Elektrolok, die ich früher als Kind mal hatte. Mit allen
Möglichen Hindernissen wie Hausschuhen, Plastikbäumen, Klebestreifen
Oder lebensmüden Playmobil-Polizisten hatte ich sie immer zum
Entgleisen gebracht und wieder auf die Schienen gesetzt. Ähnlich wie
Bei den Comedians habe ich auch unter den Schaffnern einige spezielle
Charaktere kennengelernt. Erstens: Der Alles-persönlich-Nehmer. Auch
Wenn man lediglich anmerkt, dass man gerne noch einen Anschlusszug
Bekommen möchte, tut er gleich so, als hätte man seine Mutter
Beleidigt. Zweitens: Der Gute-Laune-Schaffner. Hat für jeden einen
Lockeren Spruch auf den Lippen. "Machen Sie sich keine Sorgen, Sie
Kriegen den Zug schon noch." Oder: "Eine wunderschöne Weiterfahrt
Wünsche ich Ihnen." Drittens: Der Egal-Schaffner. Interessiert sich
Weder für die Fahrkarte noch für die Fahrgäste. Knipst alles ab, ob
Fahrschein oder Visitenkarte. Natürlich gibt es auch hier Mischformen
, Aber insgesamt muss ich sagen, die meisten sind ziemlich freundlich
Diesmal ist es allerdings nicht irgendeine Fahrt. In der aktuellen
Ausgabe der Bahnzeitschrift Mobil steht ein Artikel über mich und
Meinen Bahncard-Trip. Mit einem Foto von mir. Wenn ich jetzt durch
Den Zug laufe und die Leute beim Blättern in der Zeitschrift sehe
Dann weiß ich, die könnten mich erkennen. Die könnten gerade was über
Mich lesen. Unglaublich. Ich liege jetzt in jedem Zug aus, auf jeder
Strecke. Vielleicht halten mich die Leute dann auch für ein Phantom
Sie lesen den Artikel, dösen kurz ein halbes Stündchen ein, sehen ein
Bisschen aus dem Fenster und plötzlich sitzt ihnen dieser Typ, über
Den sie eben noch was gelesen haben, sie erinnern sich dunkel
Plötzlich sitzt er direkt gegenüber. Hilfe. Allerdings wird man mich
Mit der Basecap wahrscheinlich nicht direkt erkennen. Während ich
Mich im Gang vorbeischiebe, sehe ich tatsächlich, wie eine ältere
Dame genau den Artikel über mich liest. Ich drehe mich weg, überlege
Kurz, ob ich sie nicht erschrecken soll. Hey, da bin ich! Buh! Ganz
Hinten finde ich einen freien Viererplatz und bald setzt sich eine
Ziemlich redselige Geschäftsfrau dazu. Sie will mich sofort in ein
Gespräch verwickeln. "Wohin geht's bei Ihnen?", sagt sie und kichert
Am Anfang habe ich noch jedem meine Geschichte auf die Nase gebunden
Bei Frauen oft genug mit der konkreten Hoffnung, dass dabei
Vielleicht eine kleine, unverbindliche Übernachtung für den lieben
Freundlichen und ausgehungerten Reen herausspringt. Inzwischen nervt
Es mich aber selbst. Ich habe keine Lust mehr, ständig das Gleiche
Zu erzählen. Auch heute nicht. Deshalb sage ich: "Ich fahre nach
Braunschweig, ich hab da 'ne Ausstellung." "Ausstellung in was?"
Sie wird sofort neugierig. Hat sie vielleicht einen bekannten
Künstler vor sich? "Ich bin Maler", sage ich. "Und was malen Sie?"
"Vor allem Degeneriertes, abstrakte Sachen", erwidere ich. "Ich mach
Viel mit Blau und Orange." "Ah, das klingt ja schön. Malen Sie mit
Acrylfarben?" "Acryl was? Nein, ich mache Gemälde mit Lebensmitteln"
, Taste ich mich mein Lügengebäude entlang. "Ich male quasi mit
Lebensmitteln. Wenn man eine Orange zum Beispiel drei Wochen stehen
Lässt, dann entwickelt die total interessante Farben. Und eine Gurke
Erst. Die wird richtig dunkelblau von dem Schimmel." Ich blicke sie
Ganz ernst an. Aha, das interessiert sie offenbar nicht mehr so
Sehr. Sie lehnt sich zurück und schaut aus dem Fenster. Dann
Greift sie, ich zucke zusammen, nach der Mobil, die auf dem
Tisch liegt. Sie blättert darin. Ich beobachte sie wie erstarrt
Sie bleibt auf Seite zwei oder drei hängen, aber dann sind es
Nur noch ein paar Seiten bis zu dem Artikel über mich. Ich überlege
Ob ich dann einfach alles abstreiten soll. "Sind das nicht Sie?
" "Nö, wieso das denn? Der sieht doch voll anders aus." "Ich
Finde, der ist Ihnen ganz schön ähnlich." "Ach Quatsch", antworte
Ich. "Der Typ in der Zeitung, der ist doch total hässlich."
Aber dann wird mir die Sache zu heiß. Ich stehe auf, nehme Natascha
Von der Ablage und gehe mit einem Hinweis auf meinen leeren Magen in
Richtung Bordbistro. Allerdings ist nirgendwo mehr ein Platz frei
Ich muss also wieder mal vor den Türen stehen, bis ich in
Braunschweig ankomme. Hajo erwartet mich vor seinem Kiosk. Er hat
Frei, denn drin arbeitet Steffi, seine Angestellte. Seine Mutter
Steht neben ihm, eine kleine Sektflasche in der Hand. Sie hat Tränen
In den Augen. Ich stelle mich dazu, gratuliere Hajo und umarme die
Mutter. Hajo drückt mir ebenfalls einen Piccolo in die Hand. Wir
Setzen uns vor dem Westblick auf die alte Bank. "Dann lasse ich euch
Jetzt mal allein", sagt seine Mutter, bleibt aber neben uns stehen
"Jetzt erzähl doch mal", sage ich. "Mein zweites Kind ist da, ein
Junge. Ben. War viel leichter als beim ersten Mal, auch für Anna
Aber vielleicht hat sie das auch nur so gesagt. Du kannst dir gar
Nicht vorstellen, wie klein das Kind ist. Man hat fast Angst, es zu
Erdrücken." "Wie ist das jetzt so, zweifacher Vater zu sein?" "
Es ist, na ja, ziemlich krass auf jeden Fall. Das auf jeden Fall." "
Bestimmt aufregend", sage ich. "Geht so", sagt er und schweigt. "Hajo?
", Rutscht es mir plötzlich heraus. "Weißt du was?" "Nee." "Ich
Glaube, ich beneide dich." "Ach Quatsch, du? Du bist doch der alte
Tiger. Du brauchst das Unterwegssein. Du bist doch überall zu Hause
Bloß kein Stillstand, bloß nichts Verbindliches." In diesem Moment
Stimmt es wirklich. Ich beneide ihn. Er hat eine Familie. Und seine
Kinder, die sind wirklich süß. Ava und Ben. Er hat ein Zuhause, zu
Dem er immer zurückkommen kann. Andererseits könnte ich ein solches
Leben momentan gar nicht führen. Wie soll das auch gehen, mein
Freiwilliges asoziales Jahr gemeinsam mit Frau und Kindern? Wir
Reisen als Familie herum, pennen immer irgendwo anders und essen dann
Wirklich an einem Abend den ganzen Kühlschrank von Freunden leer?
Vielleicht bin ich auch nur in die romantische Vorstellung von einem
Leben mit Familie, Haus, fester Job verliebt. Ist es für ein
Bürgerliches Leben nicht vielleicht sowieso schon zu spät? Dieser
Gedanke macht mir für einen Moment Angst. "Also wer beneidet jetzt
Hier eigentlich wen?", fragt Hajo. Wir halten die Sektflaschen hoch
Und denken darüber nach. Einen Tag später stehe ich wieder mit
Natascha auf dem Bahnsteig, warte, bis der Zug langsam einfährt, sehe
Den aus- und einsteigenden Menschen nach und komme mir vor wie bei
Meiner ersten Fahrt. Das bekannte Rauschen auf dem Bahnhof, die
Weißen ICEs mit den roten Streifen. Ich ziehe mir die Basecap auf
Dem Kopf zurecht, winke einem Schaffner zu und hoffe, dass es ein
Zug mit blauen Sitzen ist. "Übermorgen könnte ich vielleicht wieder
Mal nach Sylt fahren", überlege ich und mache es mir im Abteil
Gemütlich, als wäre ich hier zu Hause. Ich bin ganz bei mir selbst
Und mache mir keinen Kopf. Während draußen die Landschaft erst
Langsam, dann immer schneller an mir vorbeizieht, stelle ich meinen
Sitz zurück und lasse die vergangene Zeit Revue passieren. Was hat
Sich eigentlich seit meiner glorreichen Abreise verändert? Im Grunde
Habe ich den Begriff Stand-up-Comedian wörtlich genommen. Ich habe am
Boden gelegen und bin wieder aufgestanden. Die Zeit ist unglaublich
Schnell vergangen. Mir kommt es fast vor, als hätte ich vor drei
Wochen noch im Callcenter gesessen. Gleichzeitig ist das Callcenter
Und mit ihm Stefan Eckert, der ich eigentlich nie sein wollte
Unglaublich weit weg. Es haben sich so viele neue Möglichkeiten
Ergeben, was ich alles machen kann, anstatt acht Stunden am Tag zu
Telefonieren. Freestyle, Comedy, Moderieren, mich durchkämpfen. Am
Anfang konnte ich das alles noch nicht sehen. Ich habe so viele neue
Menschen kennengelernt und fühle mich dadurch unglaublich bereichert
Auch wenn manche von ihnen ganz schön zickig sein können. Nicht wahr
Natascha? Ich ticke mit der Fußspitze sanft gegen ihre rot-schwarzen
Hüften. Das Wichtigste allerdings ist: Ich habe mich verändert. Ich
Habe gelernt, es kommt nicht nur auf die Lacher an. Das gilt nicht
Nur für Comedy, sondern auch generell für mein Leben. Es geht um
Offenheit und Veränderung und zwar unabhängig von kurzfristiger
Lacherbestätigung. Okay, ich bin hibbelig, aber na und? So bin ich
Ich will mich nicht in eine Schublade pressen lassen. Ich mache
Eben beides, Rap und Comedy. Wie andere das nennen, bleibt ihnen
Überlassen. Hauptsache, ich kann weiter meine Geschichten erzählen
Und Menschen inspirieren. Mein Ausbruch hat sich gelohnt und deshalb
Würde ich alles wieder genauso machen. Und eins wird mir außerdem
Klar in diesem Moment: Ich bin noch nicht angekommen. Auch jetzt
Nach einem Jahr nicht. Meine Zeit im Zug ist noch nicht um
Vielleicht werde ich irgendwann wieder sesshaft, aber jetzt noch
Nicht. Obwohl ich in den letzten zwölf Monaten ziellos durch
Deutschland gefahren bin, fühle ich mich im Moment viel weniger
Verloren als im immer gleichen Callcenter in Berlin
Irgendwann, das weiß ich, werde ich ankommen, egal wo. Es
Geht weiter, auf jeden Fall. Bis zum nächsten Zug, bis zum
Nächsten Kollegen, bis zur nächsten bequemen Couch, bis zur
Nächsten Natalie, bis zum nächsten Zufall. Und zwar so lange
Bis ich endlich meine ganzen verdammten Socken wiederfinde