Das Kabarett ist nicht tot
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Man hรถrt jetzt so viel vom Tod des Kabaretts
Man schwelgt in Nostalgie daran, zum Jubel des Parketts
"Das Fernsehen hat's kaputt gemacht,"
Sagt einer, "das ist klar!"
"Nein, nein, zu verwรถhnt sind die Leute,"
Sagt ein Anderer, "das ist die Gefahr!"
Doch ich sag' Ihnen im Vertrauen
Auf meine Worte kรถnnen Sie bauen:
Das ist alles nicht wahr, das ist alles nicht wahr!
Das Kabarett ist nicht tot, es bleibt am Leben
Es hat noch nie so viel Kabarett gegeben
Und weit entfernt von Liquidierung
Kriegt's fรผr jede Inszenierung
Von der dankbaren Regierung
Subvention
Ich bin doch auch Kabarettist, Sie selber seh'n es
Ich kabarettiere gegen dieses oder jenes
Denn erst im Kabarett bemerkt es jedes Kind
Wie demokratisch unsere Volksvertreter sind
Ich bin stets gegen die Kirche, das ist heut' beinah schon Pflicht
Gegen den Kapitalismus, weil das glaubt man mir ja nicht
Baader-Meinhof tu' ich garnicht kommentieren
Denn wer weiร, fรผr die kรถnnt jemand applaudieren
Ich bin gegen die Amerikaner, aber nicht mit zu viel Wut
Weil seit Vietnam vorbei ist, gibt's da Zweifel
Ich bin gegen jede Gewalt
Nur die Staatsgewalt ist gut
Denn auch ich hab' eine Villa in der Eifel
Kurz und gut, ich habe ganz genau bedacht
Dass nicht tot sein kann, was Propaganda macht
Das Kabarett ist nicht tot, auch nicht im Osten
Kabarettist ist heut' ein ziemlich sicherer Posten
Man ist nicht rechts, man ist nicht links, man ist modern
Man ist Vermittler
Wie schon bei Hitler
Man kann auch sagen: Ein Kabarettist, das ist ein Mann
Auf den ein Demokrat nie bรถse werden kann
Ich war als Kabarettist
Zuerst ein Idealist
Und strebte nach den allerhรถchsten Zielen
Doch die Zeitungen schrieben kein Wort
Und das Publikum blieb fort
Weil niemand wusste, wo und wann wir spielen
Was macht man ohne Geld?
Erst schimpft man auf die Welt
Doch die Welt schieรt auch auf Spatzen mit Kanonen
Und dann sagt man etwas schlapp:
"Nun, ich brech' den Kampf nicht ab
Ich mach' nur ein paar kleine Konzessionen!"
Anfangs macht man Konzessionen
Um zu essen und zu wohnen
Spรคter macht man Konzessionen
An Personen, die sich lohnen
Bis man eines Tages einzuseh#n beginnt
Dass die meisten Konzessionen keine mehr sind
Denn man teilt die Meinung derer
Die es leichter haben statt schwerer
Und das Publikum will lachen
Und man kauft sich schรถne Sachen
Und auf einmal kommt dann so ein Idiot
Der behauptet, unser Kabarett sei tot
Das Kabarett ist weder tot noch in Gefahr!
Das ist alles nicht wahr, ist alles nicht wahr, ist alles nicht wahr!
Das Kabarett ist nicht tot, solang' der Staat lebt
Das Kabarett ist nicht tot, solang' ein Soldat lebt
Ich lasse mich samt meinen Witzen
Von Soldaten mit Haubitzen
Vor euch Weltverbesserern schรผtzen
Mit Gewalt
Das Kabarett weicht nicht zurรผck vor Terroristen
Ich fordere Freiheit fรผr loyale Kabarettisten!
Hier ist man geistreich, das ist nichts fรผr'n kleinen Mann
Der sich die Eintrittspreise gar nicht leisten kann
Ich bin nie gegen Israel, weil das ist jetzt nicht modern
Ich bin fรผr Pornographie, weil das hรถr'n die Leute gern'
Was die Abtreibung betrifft, die macht mir Kummer
Die taugt bestenfalls fรผr eine ernste Nummer
Ich bin stets fรผr die Frauen, fรผr die Emanzipation
Aber immer mit Humor, nie gejammert
รber die Bild-Zeitung wir hier gelacht - da kenn ich kein Pardon!
Und der Bundesprรคsident wird ausgeklammert
Und das Publikum geht hochbeglรผckt nach Haus
Alle loben mich - sogar Franz Josef Strauร
Das Kabarett wird noch lange funktionieren
Und auch im Fernseh'n muss man's kaum noch zensurieren
Denn der moderne Kabarettist hat eins erfaรt:
Bleibe sympathisch, dann bist du demokratisch!
Das Kabarett ist alles andere als tot
Auch ich bleib' mutiger Kabarettist - und Patriot!