Erotisches zur Nacht
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Noch eine Geschichte vor der Pause
Die hat wieder ein bisschen mit Fernsehen zu tun
Ich hab viel ferngesehen
Diese Geschichte heißt: "Und um dreiundzwanzig Uhr fünfzehn Erotisches
Zur Nacht." In der DDR war nicht sehr viel wirklich lustig
Schildert ein Überlebender den Alltag im zerbröselnden
Sozialismusexperiment zwischen Rostock und Oberwiesenthal
Dann meist ausgeschmückt mit negativen Attributen: grau
Sauer, vitaminarm, Ersatzgemüse, Graupensuppe, Pudis
LPs, Einbahnstraße, zweitaktgemischt, Pfeffi-Schnaps
Wer das liest, fragt sich, wie in diesem Regime der
Finsternis überhaupt menschliches Leben existieren konnte
Gab es denn gar nichts Lebenswertes im abgeschotteten Zwergstaat?
Doch
Das erste Programm des DDR-Fernsehens strahlte ab Mitte der
Achtziger jährlich zu Pfingsten, Weihnachten und Ostern spätabends
Die französische Softsex-Fernsehserie Erotisches zur Nacht aus
Lange bevor westdeutsche Privatsender plump bayrische Lederhosen-
Bums-Streifen sendeten, die die Westdeutschen vorher nur in backigen
BRD-Bahnhofskinos zu sehen bekamen, setzte das Fernsehen der DDR
Pikante Akzente mit frivoler französischer Fernsehunterhaltung
Wenn draußen die Bürgersteige hochgeklappt wurden, wurde es
Hinter den Mauern der sozialistischen Wohneinheiten heiß
Die grobglotzigen RFT-Fernsehgeräte aus Staßfurt
Wurden zur erotischen Stimulanzmaschinen
Jede Episode von Erotisches zur Nacht ging etwa dreißig
Minuten und bestand aus prickelnden Kurzgeschichten
Die im siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert spielten
Kostümlastig waren die Softsex-Fernsehspiele immer nur ganz am Anfang
Die Handlung war stets gleich
Ein armes, aber spitzenmäßig aussehendes Bauernmädchen
Kommt auf ein feudales Schloss, um dem greisen
Grafen mit seiner Gicht eine dienstbare Hand zu sein
Nun wohnte auf dem weitläufigen Schloss des adligen alten Pflegefalls
Immer auch ein potenter, attraktiver junger Proletarier, also
Gärtner, Stallbursche oder sogar Rittmeister, welcher der jungen Maid
Neue Perspektiven in Sachen freizügiger Freizeitgestaltung aufzeigte
Die Fernsehzuschauer mussten nicht lange
Auf das heiße Techtelmechtel warten
Der unausweichliche Sexakt in Scheune, Waffenkammer oder
Speisesaal wurde vorher noch kurz garniert mit einigen
Kamerafahrten durch das opulent ausstaffierte Schloss
Langsame Schwenks über die schöne französische Provence
Befriedigten auf die Schnelle auch die Bedürfnisse
Der zuschauenden DDR-Bürger nach Reisefreiheit
Aber wer dachte schon ernsthaft an Reisefreiheit
Wenn das Fernsehen gleich echten Sex zeigte?
Westsex
Schwuppdiwupp ging es auch schon los mit Ausziehen, Streicheln
Erotischem Rumgehauche und lebensecht angedeuteten Bumsbewegungen
Wer jetzt vor dem Fernseher anfing zu reden, bekam Ärger
Nachdem das junge Ding nach vollzogenem dann wieder in sein
Dorf zurückgeschickt worden war, stand in der folgenden
Episode schon die nächste Dorfschönheit vor der Pforte eines
Anderen Schlosses, darin eine große Überraschung zu erleben
Offiziell gab es keine Erhebung von
Einschaltquoten für das DDR-Fernsehen
Man wusste nie, wie viele Fernsehzuschauer zum Beispiel von Dagmar
Frederik oder dem Kessel Buntes hinter
Dem Kachelofen vorgelockt wurden
Für Dagmar Frederik und den Kessel Buntes
War das wahrscheinlich auch besser so
Sie hätten sich über die miesen Quoten ja nur geärgert
Bei Erotisches zur Nacht, vermute ich aber, hatte
Das DDR-Fernsehen bei jeder Ausstrahlung zumindest
In der DDR mehr Zuschauer als ARD und ZDF zusammen
Erotisches zur Nacht war die einzige Sendung, bei
Der hartgesottene Westfernsehgucker, also fast
Alle DDR-Bürger, freiwillig DDR eins einschalteten
Sogar drüben beim Klassenfeind in den grenznahen Landstrichen
Der BRD, wo Ostfernsehen empfangen werden konnte, wurden die
Frivolen adeligen Sexnovelas mit runtergeklapptem Kiefer beäugt
1992 Arbeitete ich in einer hannoveraner Konditorei und mein
Damaliger Chef, ein Hannoveraner durch und durch und somit
Angehöriger an der nicht gerade als heißblütig bekannten
Niedersachsen, erzählte mir jovial, an den Feiertagen am
Späten Abend immer hochkonzentriert DDR eins geguckt zu haben
Ob er währenddessen hochkonzentriert mit dem Knabbern von Salzstangen
Beschäftigt war, band er mir natürlich nicht auf die Nase
Ich hätte es auch gar nicht wissen wollen
Es genügte mir zu wissen, in welch trauriger Situation
Ich als Fünfzehnjähriger diese erotische Fernsehserie
Anschauen musste, in der vor meinen Augen Dinge angestellt
Wurden, die ich noch nicht am eigenen Leib erfahren hatte
Das war nämlich so: Ich hatte bis zum
Damaligen Zeitpunkt noch keine Freundin gehabt
Die Pubertät fiel mit ihren Zwangshormonen über mich her
Und ich konnte mich nicht am weiblichen Objekt ausleben
Voller Neid musste ich mit ansehen, wie Klassenkameraden
Bei der Tanzstunde ohne Skrupel auf die hübschesten Weiber
Zumarschierten und den Kurs von Anfang bis Ende mit extrem
Begehrenswerten Tanzpartnerinnen-Trophäen absolvierten
Die meisten Tanzpärchen gingen danach sogar richtig miteinander
Für mich und andere gnadenlos gehemmte Leidensgenossen, deren
Hormone es nicht schafften, die dicke innere Mauer aus
Schüchternheit niederzureißen, blieben bei der Tanzstunde nur
Die Trampeltrullas aus den örtlichen Seitenstraßen übrig, deren
Vornamen man auch beim Abschlussball immer noch nicht wusste
Weil man aus purem Frust über vertane Chancen bei der Jagd nach
Klasseweibern nicht mehr fragte, wie das dicke Mädchen hieß
Dem man beim grobmotorischen Roboter-Samba auf die Füße stieg
Kurz: Ich hatte null Erfahrung mit Frauen
Ich hatte außer Mutti auch noch nie eine geküsst
Ich war nicht nur vom Sternzeichen her Jungfrau
Und ich war dazu verdammt
Erotisches zur Nacht
Das Heißeste, was es damals im gesamtdeutschen Nachkriegsfernsehen
Gab: Die Serie mit großen nackten Frauenhintern, großen
Nackten Frauen, Brüsten und täuschend echt angedeuteten
Geschlechtsverkehr zusammen mit meiner Familie zu gucken
Mit Mutti, Vati und der großen Schwester- -zu Pfingsten, Ostern und
Weihnachten- -mit runter geklapptem Unterkiefer, Wein, Bier, Brause
Erdnussflips und zumindest bei mir war das der Fall angestrengt
Entspannter Sitzhaltung- -aufm Familiensofa
Unter dem Bild mit den Blumen
Wenn die heiße Feiertagsfernsehserie dann nach Ende
Des Abspanns vorüber war, hatte sich die knappe
Luft im Wohnzimmer ins Unerträgliche aufgeheizt
Zumindest ich war auf unserem Chemiefaser-Familien
Sofa nicht mehr nur elektrostatisch aufgeladen
Ich hatte richtige Schmerzen
Es wird ja heute gern vom Public Viewing gesprochen
Wir haben das schon damals zelebriert
Sex hieß damals für mich: Nur zugucken, nicht mitmachen
Die Familie ist dabei und hinterher wird sofort das Licht gelöscht
Geschlafen und nicht mehr drüber geredet
Danach geraucht wurde selbstverständlich gleich gar nicht
Niemand bei uns rauchte
Es wird ja von sogenannten Experten heute öfter mal behauptet
Dass die in der DDR aufgewachsenen Menschen nur deshalb
Latent zu Rechtsradikalismus, Kindermord und Antriebslosigkeit
Tendieren, weil sie im Kindergarten zusammen aufs Klo gehen
Und sich gegenseitig nackt beim Kacken zugucken mussten
Kompletter Quatsch
So schlimm war das gar nicht
In der Kinderkrippe, im Kindergarten und im Hort
Schlimm war mit der ganzen Familie Sexfilme zu gucken
Ich wundere mich täglich, dass ich dadurch bis heute
Keinen nennenswerten Schaden davongetragen habe